Band 58-2013 - Schleswiger Stadtgeschichte

Gesellschaft für Schleswiger Stadtgeschichte e. V.
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Editorial
Sie wollte wohl keine gezielte Provokation, die Wissenschaftsministerin des Landes, Frau Waltraut Wende, wie die rasche Rücknahme des Beschlusses, den Heimatbegriff aus der Sachkunde zu streichen, zeigt. Eher wohl handelte sie aus jener Naivität, die politische Seiteneinsteiger so gerne auszeichnet. Doch die Lawine, die sie los trat, hat nun ihr eigenes Haus verschüttet. Wer meint, in einer globalisierten Welt habe sich der durch die Nazis korrumpierte Heimatbegriff – wieso stellt man dies erst 60 Jahre später fest? – überholt, irrt gewaltig. Gerade die Globalisierung hat zu einer Wiederentdeckung der Heimat geführt, auch wenn vielen die Malediven näher zu liegen scheinen als Schnarup-Thumby. Insofern ist die Erweiterung der Heimat- und Sachkunde um die Weltkunde deutlich realistischer. Doch auch der selten einmütige massive Protest kann nicht darüber hinwegtuschen, dass hier ein Dilemma besteht. Zu offensichtlich sind die schulischen Defizite bei der Vermittlung von Heimatkunde. Gerade den Schulen obliegt es, die Begeisterung fr das Naheliegende, die Heimat, zu wecken. Wie wenig dies aber der Fall ist, zeigt das deprimierende Ergebnis des von der Stadtgeschichtsgesellschaft ausgelobten und vorzüglich dotierten Preisausschreibens.

Gleichwohl wollte sich kein Einziger dafür interessieren. Hier findet auch der beklagenswerte Mangel an Nachwuchskräften nicht nur in unserer Gesellschaft seine Begründung. Was hier betrieben wird, ist Heimatkunde im besten Sinne. Heimatkunde ist leider kein Selbstgänger mehr. Wir werden offensiv an die Schulen herantreten müssen, um hier eine Bewusstseinsänderung zu erreichen. Sie, die dieses Heft lesen, haben die Erfahrung gemacht, wie bereichernd dies ist – geben Sie sie weiter!

Wir hoffen, Ihnen auch diesmal wieder ein abwechslungsreiches und informatives Heft vorlegen zu können. Sorgen bereitet uns aber schon seit langem die geringe Frequenz spontaner Einsendungen. Hier wird das Potential bei weitem nicht ausgeschöpft. Eine Ausnahme machen die Lebensberichte, die auch bei den Lesern auf großes Interesse stoßen. Ihnen nahe steht der ausführliche lebendige Brief von Vater Bissen an seinen in Rom weilenden Sohn. Jürgen Hoppmann, der wohl beste Bissen-Kenner, hat ihn sachkundig kommentiert. Wohl nirgends sonst ist der Schleswiger Alltag im frühen 19. Jahrhundert so lebensnah geschildert worden, ein echter Leckerbissen. Die Beschäftigung mit der Künstlerpersönlichkeit Bissen lohnt allein darum, weil hier eine gesamtstaatliche Karriere und die Nationalitätenkonflikte aufeinander prallen, wobei der deutschstämmige Bissen mit dem „Landsoldaten“ und „Idstedt-Löwen“ zwei dänische Nationalikonen schuf. 2014 jährt sich zum 150. Mal der deutsch-dänische Krieg. Dieser aus deutscher Sicht kleinste  der sog. Einigungskriege wirkt bis heute nach und brachte gravierende Änderungen für das Land Schleswig-Holstein, das gegen den Mehrheitswillen preußische Provinz wurde, weit schwerwiegender für Dänemark den Verlust von einem Drittel des Staatsgebiets und das Absinken einer ehemaligen europäischen Großmacht auf einen Kleinstaat. Dass seine Folgen nun allmählich glücklicherweise auch aus den Köpfen verschwinden, zeigt die Wiedererrichtung des Idstedt-Löwen, einstiges dänisches Siegerdenkmal, in Flensburg. Die diesjährige Jahresfahrt der Gesellschaft, leider schwach gebucht, stand ganz im Zeichen dieser Ereignisse mit dem Besuch von Düppel, des Idstedt-Löwen und Fröslev, wie es denn auch das Ziel unserer Gesellschaft ist, das dänische Element der Stadtgeschichte stärker herauszuarbeiten.

Schleswig freilich gehörte zu den Profiteuren mit dem mächtigen Entwicklungsschub nach der Erhebung zur Provinzialhauptstadt. Das bauliche Erbe mit bedeutenden historistischen Bauten prägt noch heute unsere Stadt wie kein anderer Zeitraum. Mit ihrer Darstellung beschließe ich die Serie über Bauen in Schleswig um 1900. Eine weitere Serie, die ihren Höhepunkt ebenfalls in dieser Zeit hatte, endet ebenfalls mit dem Beitrag von J. Fox zur Geschichte der Kreisbahn. Die faktenreiche Darstellung macht bewusst, wie vielfältig hier einmal produzierende Gewerbe waren und welche Verluste die Stadt zu verkraften hatte. Im Interesse der Konzentration auf Schleswig haben wir den Autor gebeten, sich auf das Schleswiger Umland zu konzentrieren und die Räume Kappeln, Süderbrarup und Kropp/Friedrichstadt nur kursorisch zu behandeln. Der an der Eisenbahngeschichte weiter gehend Interessierte kann jedoch den ausführlichen Beitrag im Internet unter der Stadtgeschichte nachlesen. Dessen wohl unerschöpfliche Speicherkapazität erlaubt auch eine spürbare Entlastung und Konzentration der Printmedien. Hiervon machen wir noch in einem zweiten wichtigen Fall Gebrauch.

Karl Rathjen hat seine Jugendaufzeichnungen (!) zur Kinderlandverschickung eingereicht, das Außergewöhnliche daran, dass es sich um ein Zeitdokument handelt, das nicht durch Erinnerung und Zeitgeist gefiltert wurde und von dem wir meinen, dass es unbedingt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte, auch wenn uns der Schleswig-Bezug, sieht man von der Person des Autors ab, zu gering für einen Abdruck in den Beiträgen erschien. Wir danken Herrn Rathjen aber ausdrücklich für seine Zustimmung zu dieser Lösung.

Kindheit, wenn auch vor dem ganz anderen Hintergrund der Notjahre nach dem 1. Weltkrieg, behandelt der Beitrag von Falk Ritter. Mit seiner Darstellung zum „amerikanischen Kinderheim“ schildert er ein fast vergessenes Kapitel der Stadtgeschichte und setzt damit einer bemerkenswerten humanitären Leistung ein Denkmal.


Zu den an eine Sensation grenzenden Entdeckungen der letzten Jahre gehört die Wiederauffindung der Gottorfer Hofmusik durch Konrad Küster, der ihre wesentliche Vorläuferrolle für die Entwicklung der Barockmusik nachwies. Wir sind Herrn Küster äußerst dankbar, dass er bereit war, hierzu einen Beitrag über ihren hervorragendsten Vertreter, Johann Philip Förtsch, zu liefern. Die in Vielem originelle barocke Glanzzeit Gottorfs zeigte sich auch in der Musik von führender Fortschrittlichkeit. Damit schließt er aber auch eine Lücke, setzt doch die verdienstvolle Musikgeschichte Schleswigs von Cornelius Keller erst nach dieser Zeit ein.

Barocken Glanz und seine erfreuliche Präsenz macht der Beitrag von Frau Uta Kuhl bewusst, aber auch, dass hierfür es ständiger Anstrengung zur Erhaltung bedarf. Sie erinnert auch an das stadtgeschichtliche Unglücksjahr 1713, in dem die Gottorfer Herrschaft über das Herzogtum Schleswig endete und das sich also zum 300. Mal jährt. Es ist schließlich die Geschichte eines beispiellosen Kunstraubes, ja einer kulturellen Ausplünderung eines zu diesem Zeitpunkt souveränen Staates, gingen doch die Bestände aus Kunstkammer und Bibliothek nach Kopenhagen, der Globus nach St. Petersburg. Barocke Kulturleistungen, wenn auch nicht von jenem Erfolg gekrönt, den man sich davon erhoffte, sind die inneren Erschließungen im Eider-Treene-Sorge-Bereich (Gründung Friedrichstadts, Sorgeumleitung und Trockenlegung des Meggersees) oder nach 1634 die Wiederbedeichung der Reste des alten Strandes, Nordstrand und Pellworm. Möglich wurde dies durch die Konstellation wasserwirtschaftlichen Könnens und reichlich überschüssigen Kapitals in den Niederlanden, leider auch durch religiöse Intoleranz. Auch im Friedrichsberg kam dieses Wissen bei der Anlage des Öhrbachs zum Einsatz. Andreas Heyer verfolgt anhand einer handgezeichneten Karte von Johannes Meyer diese Entwicklung bis zur Gegenwart.

Überraschende Funde gehren zu den besonderen Glücksfällen. So gelangte auf dem Umweg über Ulrich Schulte-Wülwer ein bemerkenswert qualitätsvolles biedermeierliches Familienporträt in die Hände von Jürgen Hoppmann. Ihm gelang nicht nur die Identifizierung der dargestellten Personen, sondern auch der Nachweis der Autorschaft von C. A. A. Goos. Wie dieser zudem politische Gesinnung in das Bild „schmuggelte“, ist ebenso spannend zu lesen wie die Lebensgeschichte der Dargestellten – ein Juwel, dessen Veröffentlichung uns eine besondere Freude ist.




Längst Vergessenes fördert auch der Bericht von Reimer Pohl über die Anfänge der „Christlichen Pfadfinder“ in Schleswig zutage. Es ist immer wieder beeindruckend zu sehen, wie viel Idealismus in dieser Zeit drängendster materieller Not freigesetzt wurde. Vielleicht war die Not auch nur darum zu tragen.
Ziel der Lebensberichte ist, dokumentarische Erinnerungen vor dem Vergessen zu bewahren. So ist es heute schon eine Rarität, Kindheitserinnerungen aus den 1920-er Jahren zu erhalten. Umso bereitwilliger haben wir die Aufzeichnungen von Herrn Herwig Kleibömer gedruckt.

Mit allen guten Wünschen für das neue Jahr bin ich

Ihr Rainer Winkler

Redaktionsleiter
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