Band 57-2012 - Schleswiger Stadtgeschichte

Gesellschaft für Schleswiger Stadtgeschichte e. V.
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EDITORIAL

Mit diesem Heft stellt sich Ihnen eine neue Redaktionsmannschaft vor. Die verdienten langjährigen Mitglieder Gertrud Nordmann, Dr. Malte Bischoff und Jörg Rathjen sind aus unterschiedlichen, sehr verständlichen Gründen ausgeschieden. Ihnen gilt unser ganz besonderer Dank für ihr großes Engagement insbesondere für einen hohen wissenschaftlichen Anspruch der „Beiträge“, aber auch für ihre Bereitschaft, auch künftig die Zeitschrift mit Aufsätzen zu unterstützen. An ihrer Stelle berief die Mitgliederversammlung Claudia Koch, Wolfgang Thiele und Jürgen Rademacher; die Leitung verbleibt bei Prof. Dr. Rainer Winkler. Dass mit Frau Koch, Historikerin bei der Kulturstiftung des Kreises Schleswig-Flensburg, und Herrn Thiele vom Gemeinschaftsarchiv zwei Mitarbeiter mit höchster fachlicher Qualifikation gewonnen werden konnten, ist äußerst erfreulich – gewissermaßen wechselt der Stab aus dem Landesarchiv ins Gemeinschaftsarchiv. Die Berufung von Herrn Rademacher trägt der wachsenden Bedeutung des Internets Rechnung, das er bereits für die Stadtgeschichtsgesellschaft betreut. Damit wird der Wirkungsgrad der Beiträge sicherlich erhöht. Die allgemein begrüßte Erweiterung des Spektrums der „Beiträge“ wird vom neuen Vorstand getragen. Hier finden Sie eine weitere wichtige Neuerung: die Aufnahme plattdeutscher Beiträge, wie dies vom Vorstand beschlossen und von der Mitgliederversammlung gut geheißen wurde. Der Aufsatz von Johannes Pfeifer über Plattdeutsch in der Kirche zeigt das besondere Potential, steigert doch die plattdeutsche Muttersprache den Unterhaltungswert, ohne an wissenschaftlicher Information einzubüßen. Wir fordern Sie jetzt schon auf, uns auch künftig plattdeutsche Beiträge einzusenden. Das Forum der Lebensberichte eignet sich ja vorzüglich auch für diese Form der Lebenserinnerungen. Sie finden auch in diesem Heft drei weitere mit der Fortsetzung der sehr interessiert aufgenommen Erinnerungen von Klaus-Detlef Pohl, den Erinnerungen von Andreas Heyer an Grethe und Hermann Harmsen und das fast vergessene Schullandheim „Hubertus“ , der zudem sehr reizvolles Bildmaterial erschließt, und einer anekdotischen Reminiszenz von Karl Rathjen, in dessen Archiv sich ein so schön gestaltetes Plakat seines Kinderzirkus „Caramba“ erhalten hat, dass wir es gerne auf diese Weise für die Nachwelt sichern wollten.

Vor dem Hintergrund, den wiedererstandenen Neuwerkgarten mit Plastiken zu „möblieren“, hat sich Cornelius Kellner auch auf die Suche nach alten Ausstattungsstücken gemacht und Ideen zur Rekonstruktion entwickelt, denen über die geschichtlichen Aspekte hinaus besonderes Interesse zukommt, zeugt er doch von der Problematik historisch gerechter Rekonstruktion und zeitgemäßer Adaptation, wie sie sich schon im neuen Globushaus widerspiegelt. In diesem Zusammenhang sei auf die vorzüglichen, äußerst verdienstvollen Arbeiten von Felix Lühning verwiesen, der nach der Rekonstruktion der Friedrichsburg nunmehr auch die der Amalienburg, deren Fundamente während der Gartenrekonstruktion kurzzeitig frei lagen, lieferte (s. Buchhinweise).

Eine Lücke in der Darstellung der regionalen nationalsozialistischen Machtübernahme schließt die Arbeit von Matthias Schartl, auch ein Lehrstück über Opportunismus, die Aushebelung der Demokratie und gegen Legendenbildung zur „Schönung“ von Lebensläufen.

In der Fortsetzung der Eisenbahngeschichte durch Johannes Fox erfährt der Leser, auch wenn er nicht unbedingt ein „Eisenbahnfreak“ ist, Erstaunliches in Wort- und weitgehend unbekannter Bildgestalt über die vielfältigen Leistungen der oft belächelten Kreisbahn für eine tägliche Postzustellung im Kreisgebiet, in den Aufbauphasen und der Zulieferungen für das im Raum Schleswig stationierte Militär oder – wohl die größte Leistung in ihrer Geschichte – die Bewältigung der logistischen Anforderungen im Rahmen der Berliner Luftbrücke.

Gegen die Strömungen der sich entwickelnden, das Überkommene vernichtenden Industriegesellschaft gerichtet, sind die gemälde-artigen Fotographien von Theodor Möller, die als eine Stiftung von Günter Fielmann das Stadtmuseum jüngst in einer Kabinettausstellung präsentierte. Angesichts vielfach zu beklagenden Verlustes vermag der Beitrag von Marion Bejschowetz insofern zu trösten, als das Meiste, was Theodor Möller darstellungswürdig fand, heute noch weitgehend unversehrt erhalten ist. Ein ästhetischer Genuss sind sie allemal.

Verblüffen dürfte die meisten Leser auch der Reichtum an Jugendstil in Schleswig, den man doch eher als süd- und mitteldeutsches Phänomen einordnet. Die Erklärung findet sich in der Vielfalt der Bauaufgaben in der jungen, sich offensichtlich „modern“ gebenden Provinzialhauptstadt, war doch der Jugendstil um 1900 der moderne Baustil schlechthin. Der diesem Phänomen gewidmete Beitrag von Rainer Winkler ergänzt damit auch die früheren zur Architekturgeschichte der frühen Moderne in Schleswig.

Zwei Misserfolge müssen wir registrieren, beide auf ihre Weise sehr bedrückend. Wiederholt hatten wir Themen von erheblicher stadtgeschichtlicher Relevanz zur Diskussion gestellt, einerseits um den Verein zu beleben, aber auch, um erforderlichenfalls nach außen mit einer fundierten Meinung auftreten zu können. Leider ist zu keinem Thema auch nur eine einzige Antwort gekommen, so dass wir diesen Versuch jetzt aufgeben werden. Noch deprimierender ist der zweite Fehlschlag. Obwohl das von uns ausgelobte Preisausschreiben für Jugendliche bis zum 20. Lebensjahr sehr attraktiv ausgestattet war und eine freie Themenwahl erlaubte, fand auch eine Neuauflage im Rahmen von ZiSch (Zeitung in der Schule), also in allen Ausgaben des shz-Verlages, keine Resonanz. Ist Heimatforschung heute so uninteressant geworden, dass auch großzügige Preise keinen Jugendlichen verlocken, sich damit zu beschäftigen? Fühlte sich kein Lehrer angesprochen, dies im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft zu tun? Wie soll unter solchen Umständen die notwendige Verjüngung unserer Gesellschaft erfolgreich sein?

Doch mit so tristen Gedanken soll dieses Editorial nicht ausklingen. Darum viel Freude an dem neuen Heft, gesegnete Weihnachten und Ihnen allen Wohlergehen im neuen Jahr

Ihr

Rainer Winkler

(Redaktionsleiter)
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