Band 55-2011 - Schleswiger Stadtgeschichte

Gesellschaft für Schleswiger Stadtgeschichte e. V.
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Editorial

Nun halten Sie das neue Heft Ihrer Stadtgeschichtsgesellschaft in den Händen, und wir hoffen, dass vieles Ihr Interesse findet. Die im letzten Heft vorgenommenen Neugestaltungen und inhaltlichen Erweiterungen sind insgesamt sehr positiv aufgenommen worden. Mancherseits wünschte man sich allerdings mehr Abwechslung bei Themen und Autoren. Dies verweist auf ein Grundproblem solcher Zeitschriften, dem auch durch bestellte Artikel nur bedingt abgeholfen werden kann: sie lebt von den Einsendungen ihrer Leser. Hier würden wir uns in der Tat eine lebhaftere Anteilnahme wünschen. Gleichwohl ist es bislang immer noch gelungen, so auch dieses Mal, ein abwechslungsreiches Heft zu erstellen. Dass dies so ist, liegt auch an der guten Qualität der Einsendungen, die sie fast ausnahmslos für eine Veröffentlichung geeignet macht. Dafür sind wir – und hier spreche ich auch in Ihrem Namen, liebe Leserinnen und Leser – sehr dankbar. Dass das Wissenspotential in der Gesellschaft noch viele Schätze birgt, ist erst dann richtig erfreulich, wenn sie auch gehoben werden! Wenn wir hier gleichwohl noch eine Bitte äußern, so diese, dass künftige Autoren bei der Manuskriptgestaltung sich an die Publikationshinweise halten. Auch dieses Heft weist diesbezügliche Mängel auf.
Der Themen gibt es genug. Dabei steht im kommenden Jahr die 300. Wiederkehr der „Combinierung“ der Stadt ins Haus. Auch wenn der Stadtraum zusammengewachsen ist, haben die vier Teile eine bemerkenswerte Eigenständig- keit bewahrt. Diesem eigentümlichen Phänomen möchten wir einen Schwerpunkt widmen.
Besonders gerne haben wir die Abhandlung von Hans Braunschweig über Ulrich Petersen aufgenommen, ergänzt er doch in besonderer Weise die mit der Veröffentlichung des zweiten Bandes im kommenden Jahr vorerst abgeschlossen Erschließung von Petersens Arbeiten zu Schleswig. Dass wir heute über diese bedeutsame Quelle leicht verfügen können, ist das besondere Verdienst von Hans Braunschweig, der mit Unterstützung durch Hans Wilhelm Schwarz den nur handschriftlich vorliegenden und teilweise schwer lesbaren Text in eine uns verständliche Form überführte. Kaum ein Autor zur Schleswiger Stadtgeschichte wurde so oft zitiert und war zugleich auch wegen des schwierigen Zugangs zu seinen Schriften so unbekannt wie Ulrich Petersen. Dieser Mangel konnte nun behoben werden. Und so nebenbei erfährt man eine ganze Menge über das Schleswig der Barockzeit.
Ein Schwerpunkt dieses Heftes sind kunstgeschichtliche Themen. Ingrid Höpel spürt in ihrem Beitrag über den wenig beachteten, weil sich im Halbdunkel verbergenden Emblemzyklus an der Nonnenempore der Klosterkirche von St. Johannis der Entstehungsgeschichte und den künstlerischen Vorbildern nach. Und auch das Klosterleben in der Entstehungszeit wird lebendig. In heutiger Zeit, die nur noch das autonome Kunstwerk gelten lässt, ist schwer nachvollziehbar, in welchem Umfang und mit welcher Selbstverständlichkeit man sich früher an Vorlagen bediente, ja Künstler regelrechte Muster-(oder Emblem-)bücher für derartigen Gebrauch schufen. Deren Hochkonjunktur in Renaissance und Barock lässt unwillkürlich an Parallelen zu heutigen Comics denken.
Am 7. Oktober feierte Claus Vahle seinen 70. Geburtstag. 7 Ausstellungen wurden aus diesem Anlass landesweit gezeigt – eine beeindruckende Würdigung seiner Leistungen. Schleswig nimmt darin eine Sonderstellung ein, ist ihm Heimat im guten, umfassenden Sinne, Motiv seit den Anfängen seiner künstlerischen Tätigkeit. Kein Maler hat sich über einen so langen Zeitraum und so vielseitig mit Schleswig beschäftigt. „Es gibt wohl keinen Ort, den ich nicht gemalt oder gezeichnet habe“, kann er zu Recht behaupten. Er ist der Schleswig-Maler schlechthin und zugleich ihr malender Chronist – mehr als gute Gründe, ihn mit einem Beitrag zu ehren, der in der warmherzigen Begegnung mit dieser Künstlerpersönlichkeit und seiner Welt zu einem Erlebnisbericht wurde. Er mag sich zwischen den sachlich wissenschaftlichen Beiträgen etwas fremdartig ausnehmen, doch nur so, empfand der Autor, konnte er Claus Vahle gerecht werden.
Silke Bromm-Krieger kann ihre frühere Darstellung von Ingeborg Magnussen (Schleswigs vergessene Töchter – eine Spurensuche, Heide: Boyens 2004) um zwei wichtige Facetten bereichern: der Beziehung zur Künstlerfamilie Romay und der Publikation bislang unbekannter Bilder aus deren Besitz. Ingeborg Magnussen war sicher eine der bemerkenswertesten Schleswiger Frauengestalten mit einem in spätkaiserlicher Zeit nicht ungewöhnlichen, berührenden Schicksal, von dem man allerdings auch den Eindruck hat, dass es nicht unverschuldet war, scheint es doch so, als stellte sie sich bewusst in den Schatten ihres dominierenden Vaters und ihrer Brüder.
Neu ist die Reihe mit „Höhepunkten des Stadtmuseums“ von Dr. Holger Rüdel. Uns schwebt vor, dass hieraus mittelfristig eine Sammlung entsteht, die Grundlage eines Museumskataloges werden kann. Indem wir über seine Kostbarkeiten die Bedeutung des Stadtmuseums für die Stadtgeschichte verstärkt ins Bewusstsein rufen, wollen wir auch einen Beitrag für seinen Erhalt leisten, der durch eine unselige Spardiskussion aufs Höchste gefährdet ist. Wann endlich wird begriffen, dass Kultur den besonderen Lebenswert einer Stadt ausmacht, schon gar, wenn sie sich „freundliche Kulturstadt“ nennt. Der reflexhafte Griff zum Kulturetat, wenn denn der Rotstift eingesetzt werden muss, ist schier unerträglich.
Jürgen Hoppmann zeigt in seiner Darstellung der „Schwarzen Margret“, wie eng im Mittelalter Sage und Chronik beieinander liegen und dass es eine europäische Erzähltradition für bestimmte Inhalte gibt, deren handelnde Personen regional angepasst werden.
Mit einem Bereich, der sich wie kein zweiter im Erscheinungsbild und Nutzung gewandelt hat, der alten industriellen Mitte, beschäftigen sich die Beiträge von Gertrud Vierck-Nordmann und – unter den Lebensberichten – von Hildegard Gierse, beide mit persönlichen Erinnerungen eingefärbt. Unter den Lebensberichten sind wir glücklich, dass mit Herwig-Günter Kleibömer ein Zeitzeuge zu Wort kommt, der über eine Kindheit und Jugend in der Weimarer Republik berichten kann, heute schon eine Rarität, die die Bedeutung solcher Zeugnissammlungen unterstreicht. Noch ein zweites ist an diesem Beitrag bemerkenswert, handelt es sich doch bei dem Foto um eine Aufnahmen, die mit der Agfa-Box erfolgte, wobei der Abzug unter Sonnenbelichtung vorgenommen wurde und damit auch ein Dokument in der Entwicklung privater Fotographie ist, deren Aufwand und Schwierigkeiten in Zeiten digitaler Fotographie kaum noch nachzuvollziehen sind. Reimer Pohl und seine Frau steuern zwei Zeitbilder aus Krieg und Kriegsende bei. Zur besonderen Problematik solcher notwendigerweise subjektiven Quellen in einer wissenschaftlich ausgerichteten Sammlung wird auf die redaktionelle Stellungnahme zu Beginn dieses Abschnitts verwiesen.
Mit einer Bitte zum Schluss kehren wir an den Anfang zurück. Mit der neuen Leseecke wollten wir auch eine stärkere aktive Beteiligung der Mitglieder erreichen. Dieser Wunsch hat sich bislang nicht erfüllt, doch es war ja auch erst ein Anfang und die Hoffnung stirbt bekanntlich als Letzte.

Für die Redaktion:
Rainer Winkler
Redaktionsleiter


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