Band 60-2015 - Schleswiger Stadtgeschichte

Gesellschaft für Schleswiger Stadtgeschichte e. V.
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EDITORIAL

Auch dieses Jahr können wir Ihnen wieder ein umfängliches Heft vorlegen. Da wir keine Sonderveröffentlichung haben,  hat  der Vorstand einer Erweiterung auf 200 Seiten zugestimmt. Dafür gilt es ebenso zu danken wie den Autoren, die ihre Beiträge wieder unentgeltlich zur Verfügung gestellt haben. Dabei sah es noch im Juli recht „kümmerlich“ aus, da insbesondere wissenschaftliche Aufsätze fehlten.  Die Beiträge zur Schleswiger Stadtgeschichte sind aber primär eine wissenschaftliche Zeitschrift mit hohem Anspruch. Das soll auch so bleiben. Als wir vor einigen Jahren beschlossen, das Spektrum zu erwei- tern, so geschah dies vor allem in der Absicht, den Informations- und Unterhaltungswert der „Beiträge“ zu erhöhen und auch solche Erinnerungen aufzunehmen, die das Leben in dieser Stadt nacherlebbar machen. Die weit überwiegende Mehrzahl  unserer Leser sind stadtgeschichtlich interessierte Laien. Gerade die „Lebensberichte“ erfreuen sich auch bei den Lesern einer großen Beliebtheit. Streng genommen, ist ihr Anteil fast so groß wie der wissenschaftliche geworden. Dahinter verbirgt sich aber keine neue Konzeption, sondern ein Dilemma, das schon seit Langem zu beklagen ist: spontane Eingänge wissenschaftlicher Berichte sind rar. Die meisten Arbeiten resultieren aus Aufforderungen, wobei wir den Autoren dankbar sind, dass sie der Bitte fast regelhaft entsprechen, und sie leisten dies ehrenamtlich! Sicher ist das Erstellen einer wissenschaftlichen Arbeit erheblich aufwendiger im Vergleich mit einem „Lebensbericht“, der auf den wissenschaftlichen Apparat verzichten kann. Gerade die diesjährigen bieten eine Fülle sonst verlorener Informationen. Doch zeigen Gespräche wie auch die Erwartungen an eine fast 700 Mitglieder starke Gemeinschaft, dass hier noch viele Schätze im Verborgenen ruhen. Und so möchten wir noch einmal nachdrücklich an Sie appellieren, Ihre Schatztruhen zu öffnen. Eine Gesellschaft lebt nur durch aktive Mitwirkung.

2015 wird in die Stadtgeschichte eingehen als das Jahr, in dem Schleswig sein Theater verlor, nicht nur das lieb gewordene Gebäude, sondern auch den Hauptsitz als Verwaltungs- und Produktionsstätte. Und es ist absehbar, dass wir uns auf ein langes Provisorium einzustellen haben. Wie es dazu kam, wäre schon einen eigenen Bericht wert, ein weiteres Lehrstück über die Verluste, die die Stadt zu verkraften hat. Auch wenn in Schleswig weiter Theater gespielt werden wird, so ist der Theaterstandort als solcher nunmehr Geschichte. Ihr widmen sich drei Beiträge. Matthias Schartl liefert eine umfängliche und sehr verdienstvolle Analyse der Verhältnisse in der Weimarer und NS-Zeit. Schon die Namenswechsel verweisen auf die Probleme, die das Theater zu bewältigen hatte und die den heutigen so sehr gleichen. Mit den – wie er es nennt – „Erinnerungssplittern“ von Gerd Carstensen und denen von Frau Ingrid Thomsen wird der Glanzzeit des Theaters in den 1950er Jahren gedacht. Der nach 1945 bestehende  kulturelle Nachholbedarf und ein Überangebot heimatlos gewordener Theaterleute gaben auch kleinen Bühnen eine Chance, Herausragendes zu leisten.  Und wir merken den Mut der damaligen Stadtväter an, 1951 das Theater in städtische  Regie zu übernehmen.

Zum schrecklichen Erbe der Nazizeit gehört auch die millionenfache Verstrickung gerade der Führungseliten. Eine anfangs strenge Entnazifizierung wurde im aufkommenden kalten Krieg bald aufgeweicht, so dass viele Betroffene frühzeitig wieder in Führungspositionen aufsteigen konnten. Über die Nazivergangenheit wurde der Mantel des Schweigens gebreitet oder sie durch Legendenbildung geschönt.  Auch unsere Gesellschaft war in erheblichem Umfang davon betroffen. Wir haben daher den aufklärenden Beitrag von Falk Ritter gerneauch als Akt des eigenen Umgangs mit dieser Vergangenheit aufgenommen, wohl wissend, wie brisant dieses Thema noch heute ist. Nehmen Sie es auch als Beitrag zum 60-jährigen Bestehen der Gesellschaf
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Seit kurzem nennt sich Schleswig „Wikingerstadt“. Die Problematik dieses „Alleinstellungsmerkmals“ war schon Thema in den Mitteilungen. Der Aufsatz von Dr. Willi Kramer ist gleichsam unser Beitrag zum Thema. Dass Wikinger „Konjunktur“ haben, ergibt sich auch aus dem Presseecho auf die vermutete Auffindung des lange gesuchten Tores im Danewerk anlässlich der jüngsten Grabungsperiode. Der besondere Reiz dieser Publikation liegt darin, dass der Autor, gründend auf historischen Situationsbeschreibungen, insbesondere den sehr dezidierten von Ulrich Petersen, dem er die Arbeit widmet, und eigenen Grabungsbefunden am Danewerk, zu einer wohl fundierten abweichenden Interpretation der Grabungsbefunde gelangt
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Es steht einer Geschichtsgesellschaft wohl an,  die Gedenkjahre herauszustellen.  Im letzten Jahr waren wir hier besonders gefordert, doch auch dieses weist etliche auf, her- ausragend: der Wiener Kongress vor 200 Jahren und das Kriegsende vor 70 Jahren, beide mit gravierendsten Auswirkungen für unsere Stadt. Dänemark, gleichsam am Katzentisch des festfreudigen Wiener Kongresses,  in eine unselige Liaison mit Napoleon  gezwungen und nicht abtrünnig  geworden, war der wohl größte  Verlierer der nachnapoleonischen Neuordnung Europas, die es mit Staatsbankrott  und am Ende Abstieg in die Kleinstaatlichkeit bezahlte.Doch wie nimmt sich solches Geschick vor dem Hintergrund aus, dass die Bewohner dieses in vielem vorbildlichen Kleinstaates heute als das glücklichste Volk der Erde gelten? Schleswig war damals getreues Glied des Königreiches mit einer betulichen Statthalterschaft. Doch in den Befreiungskriegen wurde auch jener Nationalismus geboren, der noch heute verheerend wirkt, und dessen Saat auch im Lande aufging und zur Abspaltung der Herzogtümer führte. Schleswig spielte dabei eine bedeutende  Rolle, die Ständeversammlungen mit ihrem Sprachenstreit und das Sängerfest von 1840, wo das Schleswig-Holstein-Lied erstmalig und mit zahlreichen Wiederholungen erklang, mögen dafür stehen. Mit dem 1. schleswig-holsteinischen Krieg begann eine über hundertjährige Leidenszeit für die einst so friedlichen Nachbarn, die nach 1945 noch einmal auflebte, als einflussreiche Strömungen in Dänemark den alten Wunschtraum eines Dänemarks bis an die Eider verfolgten und die dänische Minderheit starken Zulauf auch durch Flüchtlinge erhielt. Die Besonnenheit der britischen Besatzungsmacht und der dänischen Regierung verhinderten eine Eskalation. Heute erleben wir eine Nachbarschaft,  die als vorbildlich gilt. Stellvertretend für viele mag das Beispiel des neuen dänischen Gymnasiums auf der Freiheit stehen, das sich zu einem Kulturzentrum entwickelt hat, sicherlich begünstigt durch das Fehlen gleichwertiger Einrichtungen in der Stadt, zumal nach dem Abriss des Theaters, aber auch durch seine bemerkenswerten architektonischen  und akustischen  Qualitäten. Jörgen Kühl, Direktor der A. P. Moeller-Skolen, zeichnet die Geschichte dieser Institution und die unterschiedlichen pädagogischen Intentionen  nach, die sich so bereichernd für die Stadtkultur auswirkten. Mit dem Beitrag verbinden wir auch die Hoffnung, dass das bislang stiefmütterlich behandelte dänische Element in der Stadtgeschichte  einen angemessenen Platz erhält. Unter diesem Aspekt war die diesjährige Mitgliederversammlung im dänischen Ruderklub abgehalten worden, der mit seinem Neubau und unter der Führung von Birger Kühl eine erfreuliche Begegnungsstätte  geschaffen hat. Auch dem trugen wir mit Kurzbeiträgen Rechnung (s. a. Beiträge 2013 „50. Jubiläum des Dänischen Ruderklubs“ und 2014 Leserecke „Schleswig baut“).

Ungleich schwerwiegender waren die Folgen des Endes des 2. Weltkrieges, auch wenn Schleswig, da es unzerstört blieb, zunächst eher glimpflich davon kam. Doch der Flüchtlingszustrom, der die Einwohnerzahl um über die Hälfte der bisherigen vergrößerte, und der Verlust des Regierungssitzes veränderten die Stadt in nie dagewesener Weise. Auch wenn die Integration  der Flüchtlinge erfolgreich gelang, war sie sicher nicht so arm an Problemen, wie manche offiziellen Rückblicke es suggerieren. Die Lebenserinnerungen von Klaus Laube sind ein beredtes Zeugnis. Wenn heute viel von Armut die Rede ist, so vor allem vor dem Hintergrund eines gewaltigen Wohlstandsgefälles. Das Ausmaß, mit dem sie damals den Alltag beherrschte, ist heute freilich kaum noch nachvollziehbar. Doch da die Meisten davon betroffen waren, wurde sie nicht so wahr genommen, wie heute, wo sie nur eine Minderheit betrifft. Was heute als arm gilt, liegt deutlich über dem Niveau nach Kriegsende. Und man erlebte nach 1949 einen steten Aufschwung. Wenn sich heute Zeitzeugen zu Wort melden, so handelt  es sich fast  ausnahmslos um Kindheits- und Jugenderinnerungen.  Vielfach mussten sie Aufgaben übernehmen, die weit über das hinausgingen, was ihnen zumutbar war, trugen sie zur Existenzsicherung der oft schwer traumatisierten  Familien bei, denen zudem häufig der Ernährer fehlte. Dass sie sie gleichwohl bewältigten, ist in Verbindung mit dem gerade von den Kindern besonders registrierten Fortschritten sicher ein Grund, dass der Rückblick weniger düster ausfällt, als die Dinge seinerzeit erlebt wurden. Das Schicksal der neuerlich ins Land strömenden Flüchtlinge und die hierdurch ausgelösten Debatten sind auch ein Spiegel unserer Gesellschaft. Dabei sind es nur Zehntausende, die in ein reiches Land kommen; damals waren es Millionen, die Rettung in einem ruinierten Land suchten und deren einziger Besitz zumeist nur die Beherrschung der deutschen Sprache und eine berufliche Bildung waren
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Des Kriegsbeginns 1939 hatten  wir mit einem Auszug aus der Familienchronik des ehemaligen Direktors der Domschule, Erich Pohl, gedacht. So ist es nur folgerichtig, wenn wir auch an den 70. Jahrestag seines Endes mit seinen Aufzeichnungen aus der Neujahrsnacht 1945 erinnern. Auch wenn die britische Besatzungsmacht eine anfänglich rigide Herrschaft errichtete, waren es für die alltäglichen Erfahrungen Jahre der Anarchie und Entwürdigung. Was die britische Besatzungsmacht von uns Deutschen hielt und wie ihnen zu begegnen sei, lässt sich in dem jüngst vom „Spiegel“ wieder entdeckten  und publizierten Anweisungen für die Besatzungssoldaten nachlesen, nicht nur ein Beispiel für britische Fairnis, sondern auch für viele Vorurteile, die noch heute auf der Insel herrschen. Auch wenn der kalte Krieg die Aussöhnung erleichterte, ungewöhnlich war es schon, wenn ein Schleswiger Schüler auf Einladung der Besatzungsmacht 1949 ein halbes Jahr auf einem englischen Internat  verbrachte, auch wenn dieses erstaunliche  Ereignis öffentlich – leider – wohl nicht wahrgenommen wurde. Den Bericht hierüber von Olaf Thomsen haben wir aus redak- tionellen Überlegungen in unsere Internetpräsentation aufgenommen und empfehlen sie nachdrücklich unseren Lesern
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Im regionalen Gedenken ragt  das 250-jährige Jubiläum der Schleswiger Fischerzunft heraus. Dabei ist die Geschichte ungleich länger, wurde doch schon im späten Mittelalter die Schleifischerei mit Privilegien für die Schleswiger (Holmer) Fischer geregelt.  Auch wenn die wirtschaftliche Bedeutung der Fischerei gering geworden ist,  so ist sie doch für die Geschichte, das Erscheinungsbild und das Image der Stadt von außerordentlicher Bedeutung. Es ist zu hoffen, dass sie noch lange fortgeschrieben wird. Klaus Nielsky, im Holm fest verwurzelter Altbürgermeister und Vorsitzender unserer Gesellschaft, hat seinen Festvortrag für die Beiträge überarbeitet.  Halb so alt ist der Holmer Stichlingsverein, ein eingetragener  Verein innerhalb der Holmer Beliebung für die Jungmitglieder.  Mit einem Bekenntnis zur Tradition  lässt Hans-Werner Köhler seine Geschichte adäquat  auf Platt- deutsch lebendig werden.

Es ist das Ziel der Redaktion, die stadtgeschichtlich wertvollen Bestände des Stadtmuseums nach und nach über die „Beiträge“ zu erschließen, auch um derart den Mangel eines Bestandskatalogs zu kompensieren. Zum bedeutendsten  Fundus gehören die Stadtansich- ten, die jedoch nur anlassweise gezeigt werden können. Ein solcher Anlass war die 300. Wiederkehr der „Combinierung“ der Stadt 2011, zu der das Stadtmuseum eine vorzügliche, von Jan Drees und Holger Rüdel kuratierte Ausstellung „Schleswig auf einen Blick“ zeigte. Zwar gibt es zu Schleswiger Ansichten schon exzellente Buchveröffentlichungen wie die von Ernst Schlee (1964/1979),  in den historischen Stadtansichten  von Olaf Klose / Lilli Martius (1962) oder von Oliver Bruns / Reimer Witt (2006), doch sind diese z. T. seit Jahr- zehnten vergriffen und eine wie auch immer geartete  Neuauflage nicht in Sicht, so dass gerade für die Jüngeren eine umfassende Darstellung ein Desiderat ist. Hinzukommt, dass die heutigen Druckmöglichkeiten eine weitaus höhere Abbildungsqualität zulassen, als es diesen früheren Publikationen möglich war, die zudem vielfach aus Kostengründen stärker verkleinert und bei denen auf eine farbliche Wiedergabe verzichtet werden mussten, und selbst da, wo sie erfolgte, das Ergebnis qualitativ nicht immer befriedigt. Der Materialumfang der Sammlung im Stadtmuseum ist so groß, dass er nicht in einer einzigen Publikation dargestellt werden kann, so dass wir jetzt einen ersten Teil bringen. Die älteren Bestände beschreibe ich und hoffe, dass im nächsten Jahr die sehr ergiebigen des 19. Jahrhunderts von anderer Hand folgen können.

Mit seinen Erinnerungen an die „Villa Berg“ (Beitr. 2014) hat Herr Heyer offensichtlich etliche Erinnerungen angestoßen,  wie die Einsendungen von Frau Doris Herrmann und Frau Gertrud Nordmann zeigen. Wir geben sie gerne wieder, da sie das Bild der faszinierenden Persönlichkeit von Wilhelm Berg abrunden. Leserbriefe sind schon darum willkommen, weil sie Irrtümer korrigieren und Auslassungen füllen können wie der von Herrn Haeger zu dem Beitrag von Reimer Pohl über den Bildschnitzer Herbert Müller. Wir möchten ermuntern, hiervon regen Gebrauch zu machen.

In vier kürzeren Beiträgen sorgen Jürgen  Hoppmann, Andreas Heyer, Andreas Kunte und Karl Rathjen für viel Abwechslung.  Auf drei kleinere, aber wichtige Neuerungen sei abschließend  hingewiesen.  Der Briefverkehr hat  sich heute  weitgehend  ins Internet verlagert. Im Autorenverzeichnis geben wir daher künftig auch die E-Mail-Adressen der Autoren an, hoffend, dass auch dies zur Belebung der Diskussion beiträgt. Daher nehmen wir auch die Beiträge ins Inhaltsverzeichnis auf, die wir wie den von Herrn Olaf Thomsen für publikationswürdig erachten, die jedoch, da sie die Stadtgeschichte  nur am Rande betreffen, keine Aufnahme in die Druckversion finden konnten. Und die „Leserecke“ wurde in „Kurzinformationen“ umbenannt

Dies ist nun ein sehr langes und doch nicht einmal vollständiges Editorial geworden. Damit bleibt mir nur noch Ihnen im Namen von Redaktion und Vorstand viel Freude bei der Lektüre und ein erfolgreiches 2016 zu wünschen.


Ihr
Rainer Winkler
Redaktionsleiter


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