Lebensberichte 61-2016 - Schleswiger Stadtgeschichte

Gesellschaft für Schleswiger Stadtgeschichte e. V.
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Lebensberichte 61-2016

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Eine Jugend in Schleswig – Teil 2

von Klaus-Jürgen Laube, herausgegeben von Marianne Laube

Konfirmandenunterricht und Jugendkantorei am Dom

Kaum in Schleswig sesshaft geworden, wurde ich zum Vorkonfirmandenunterricht, wie es damals hieß, in der Domgemeinde angemeldet. Pastor Schimmelpfennig erteilte den Unterricht und hatte große Mühe, sich gegenüber den etwa 100 Konfirmanden/innen durchzusetzen. Er war zeitweise kaum zu verstehen, zumal er es dabei bewenden ließ, Texte von Chorälen vorzulesen, unterbrochen von eingeschobenen Erklärungen, die keiner verstand. Die Choräle mussten dann in der nächsten Stunde auswendig aufgesagt werden. Wegen der oben erwähnten Erkrankung konnte ich an dem Unterricht schon bald nach Beginn für etwa drei Monate nicht teilnehmen. Da ich im Krankenhaus eines Tages die Stimme des Pastors hörte und vermutete, er würde auch zu mir kommen, war ich zutiefst enttäuscht, als er an meinem Bett grußlos vorbei ging. Als er nach der ersten Unterrichtsstunde nach meiner Krankheit verlangte, ich hätte alles nachzuholen und könnte sonst mit dieser Gruppe nicht konfirmiert werden, überlegten wir zu Hause, zumindest in der Domgemeinde auf eine Konfirmation zu verzichten. Als die Landsberger in Schleswig davon hörten und ein „Heimatgottesdienst“ im Dom bevorstand, trafen sie Vorbereitungen, dass meine Konfirmation in diesem Gottesdienst stattfinden sollte. Als der früher in Landsberg an der Marienkirche, unserer Kirchengemeinde, amtierende Pastor Wegener, der diesen Gottesdienst in Schleswig halten würde, dies erfuhr, hatte er sofort seine Zustimmung gegeben. Meine Mutter zögerte noch, als ich ihr berichtete, im Unterricht wäre ein anderer Pastor erschienen, nämlich der pensionierte Hauptpastor W. W. Meyer, der uns mitteilte, er würde uns in Zukunft unterrichten. Wir kannten ihn als einen stets freundlich grüßenden „alten Herrn“ von vielen Begegnungen auf der Straße. Als wir ihm von unserem Problem erzählten, winkte er nur ab und sagte nur: Lassen Sie ihren Jungen bei uns und in seiner Gruppe. So geschah es. Pastor Schimmelpfennig war kurz darauf wie vom Erdboden verschluckt. Ich habe ihn nie wiedergesehen und auch niemals wieder etwas von ihm gehört.
Nach wenigen Wochen kam es wieder zu einem Wechsel. Pastor Reinfried Clasen war in eine bisher nur provisorisch besetzte Pfarrstelle der Domgemeinde gewählt worden. Wir waren seine ersten Konfirmanden in der neuen Stelle. Als Soldat hatte Pastor Clasen den Krieg und die Gefangenschaft überlebt und stand noch spürbar unter dem Eindruck seiner Erlebnisse als Kanonier am Flakgeschütz. Verständlich, wenn er uns in der ersten Stunde die Berechnung erklärte, die notwendig war, damit die Kanonenkugel auf ihrer Laufbahn das gewünschte Ziel erreicht und trifft. Das war spannend und hielt die ganze Gruppe in Atem, sogar die Mädchen. Die Spannung hielt sich, als danach die eigentlichen Themen zur Sprache kamen, z. B. Martin Luther und die Reformation, das Abendmahlsverständnis in der lutherischen, reformierten und katholischen Kirche u. a. Pastor Clasen hatte einen Sinn für Feierlichkeit und liturgische Praxis, was unserem Konfirmationsgottesdienst am Sonntag Judika 1949 zugute kam. Mein Konfirmationsspruch hat mich bis heute wirksam begleitet: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes (Lukas 9,62).“ Eine besondere Aufmerksamkeit war gegeben, weil auch die Tochter Annegret des Bischofs D. Wester mit uns konfirmiert wurde. Der Vater ließ es sich verständlicherweise nicht nehmen, diese Gruppe, zu der seine Tochter gehörte, einzusegnen.
In der Unterrichtsstunde vor dem Volkstrauertag/Totensonntag (1948) setzte uns Pastor Clasen davon in Kenntnis, dass er die Absicht habe, im Fürbittengebet des Gottesdienstes die Namen der vermissten und gefallenen Väter aufzurufen. Er ging durch die Reihen, fragte jeden Einzelnen und schloss aus meiner Antwort, der Vater wäre nicht da, dass dieser vermisst sei. Die Mutter ging, als ich zu Hause davon berichtete, umgehend zu ihm, um Klarheit zu schaffen, aber auch, um ihm zu erläutern, wie mich dieser Vorgang und die Sache selbst bedrückten.
Pastor Clasen zeigte großes Verständnis dafür und hatte dies wohl auch noch im Kopf trotz der großen Zahl von fast 100 Konfirmanden, als Ende November / Anfang Dezember Frau Barbara Haller, die Ehefrau des Kirchenmusikdirektors Hans Jakob Haller im Unterricht erschien. Sie war auf der Suche nach Jungen, die bereit wären, in einem Knabenchor mitzusingen, der zunächst nur Aufgaben im Rahmen der Liturgie übernehmen sollte. Die Ausbeute auf ihre Frage an die große Zahl der Konfirmanden war gering. Pastor Clasen kam ihr zur Hilfe, ermunterte diesen und jenen und zeigte dann energisch – obwohl ich wie die meisten den Blick leicht nach unten gesenkt hatte – mit dem Finger auf mich: „Ach, Klaus, und Du gehst auch dahin!“ Weder er noch Frau Haller noch ich ahnten, dass dieser „Fingerzeig“ und die diesen begleitende Aufforderung meinen Einstieg in Kirche und Theologie zur Folge haben würde; denn ich ging. Das ist, wie man heute sagt, Nachhaltigkeit!
Am Schluss der ersten Probe, wir waren wohl zehn bis zwölf Jungen, hielt Frau Haller Hermann Brodersen, dessen Vater die Säule des Tenors im Domchor war, und mich zurück. Sie drückte uns die Noten der Buxtehude-Kantate „Willkommen süßer Bräutigam“ in die Hand, und wir mussten Takt für Takt, Zeile für Zeile die Sopranstimme (1. und 2.) singen. Obwohl ich weder Violin- noch Bassschlüssel, weder c noch cis unterscheiden konnte, – im Musikunterricht der Mittelschule wurden nur Volks- und Wanderlieder gebrüllt – schien Frau Haller die Hoffnung zu haben, mit uns beiden zum Ziel zu kommen. Und tatsächlich! Nach einigen Proben hatten wir dieses erreicht und konnten die Kantate zwar nicht im Dom, aber doch zu einigen Advents- und Weihnachtsfeiern in der Domgemeinde zu Gehör bringen.
Daraufhin hat uns Frau Haller eingeladen, nun auch in die Proben der sich gerade in Gründung befindenden Jugendkantorei zu kommen. Sonnabends von 16.00 bis 18.00 Uhr probte diese in der Domhalle. Aber, o weh, wie peinlich, ich war der einzige Junge im Sopran – Hermann Brodersen war nicht erschienen –, umgeben von vielen jungen, wenn auch – von mir aus gesehen – älteren Mädchen. Doch ich war auch Mittelpunkt, von allen beachtet und umsorgt, und das gefiel mir. In der Adventszeit trafen wir uns morgens um 9.00 Uhr zum Kurrendesingen in der Altstadt. Das gefiel mir auch, dazu das Singen im Gottesdienst im Dom, also ging ich wieder hin und blieb. Die Natur bewirkte einen baldigen Wechsel in den „Bass“, und einer von den Bassisten, der in der Nachbarschaft wohnte (Jürgen Alsen), übte mit mir Noten, Tonleitern u. ä. Wir trafen uns wöchentlich zu einer Übungsstunde, bis er sein Studium begann.
Von nun an hatten die Chorproben und das Singen im Sonntagsgottesdienst einen festen Platz im Wochenplan. Die Jugendkantorei am Dom – mit mehr als sechzig Jungen und Mädchen –, war schon bald musikalisch leistungsfähig. Sie sang vierzehntägig im Gottesdienst und gab Abendmusiken, in denen Motetten alter Meister, vorwiegend von Heinrich Schütz, aber auch Bachs „Jesu meiner Freude …“ u. a. zur Aufführung kamen. Ihr Ruf drang über die Grenzen der Stadt hinaus bis in die Region, wie Einladungen nach Husum, Flensburg, Rendsburg usw. bewiesen. Das war das Verdienst von Frau Haller, die das musikalischkünstlerische Niveau garantierte, aber den Chor auch durch ihr stets freundliches, frohes und vor allem warmherziges Wesen zu einer Gemeinschaft zusammenführte. Sie hatte für jede und jeden ein offenes Ohr, für die kleinen und manchmal großen Sorgen, immer Zeit und machte keine Unterschiede, verlangte aber Treue und Zuverlässigkeit. Sie ließ Stippvisiten nicht zu, was alle wussten.
Frau Haller besuchte uns am Nachmittag meines Konfirmationstages wie alle Konfirmanden/innen der Kantorei. Sie schien überrascht über den fröhlichen Kreis von acht Personen, der an einem „runden Tisch“ zwischen Doppelbett, Liegen, Höckern und Stühlen Platz gefunden hatte. Es roch nach Kaffee, sogar nach Bohnenkaffee, und der Kuchen wurde gelobt und gepriesen; denn wir waren nicht verwöhnt!
Hallers wohnten nur wenige Hausnummern neben uns im Kantorhaus. Frau Haller machte schon am Tag danach den Vorschlag, dass ich in Zukunft bei ihnen wohnen sollte, wenigstens für die Zeit, bis ein einigermaßen zumutbarer Wohnraum für vier Personen gefunden worden ist. Sie merkte wohl, dass dieser Plan bei mir mit spürbarer Zurückhaltung aufgenommen wurde und reduzierte diesen daher auf ein wöchentliches Mittagessen (Donnerstag). Dieser Mittagstisch bei Hallers, der nur selten verlegt oder gar abgesagt wurde, bestand sechs Jahre. Erst als KMD Haller in eine Stelle am Ulmer Münster gewählt und berufen worden war, fand dieser Brauch ein Ende. Ich denke gern und dankbar an diese Zeit.

Die jährlichen Chorfreizeiten der Kantorei waren Höhepunkte des Jahres. Wir fuhren nach Lübeck, nach Schweden und nach Undeloh in die Lüneburger Heide. Natürlich konnte ich den Beitrag nicht bezahlen. Frau Haller hatte längst für einen Zuschuss gesorgt, was sie mich „nur so nebenbei“ wissen ließ. Ich vermute, dass sie mit Pastor Clasen einen Weg gefunden hatte. Wir waren jeweils in den Jugendherbergen vor Ort untergebracht. Vormittags wurde für eine Abendmusik zum Abschluss der Woche geprobt, nachmittags Ort und Umwelt besichtigt und abends geflirtet, in den Grenzen des für alle Chormitglieder beiderlei Geschlechts geltenden und auf den 10 Geboten beruhenden „Grundgesetzes“. Übertretungen sind mir nicht bekannt geworden, auch dann nicht, wenn wir uns selbst in Versuchung geführt haben mit Madrigalen wie: „Feinslieb du hast mich gfangen, mit dein zwei Äuglein schön; nach dir steht mein Verlangen, von dir mag ich nicht geh‘n. Mein Schatz, ich bitt‘ dich eben, wollst mich auch nicht verlassen (verlahn) – dich allein liebt mein Herze, sag‘ ich ohn allen Scherze, dein Diener will ich sein, bis an das Ende mein“. Häufiges Verlangen blieb sicher oft ohne Echo und ohne Antwort, hat Herzen gebrochen und Tränen vergossen, aber so mancher Blickkontakt zwischen Frauen- und Männerstimmen hat Ehen begründet, die bis heute bestehen, verbunden mit einer gemeinsamen Erinnerung an die schöne Zeit ihrer Anfänge.
Ich will aber auch von zwei Erlebnissen erzählen, die mich tief im Inneren berührten und folglich zu dem Marschgepäck der Erinnerung gehören, die mein Leben begleitet und möglicherweise auch bestimmt haben. Während der ersten Chorwoche in Lübeck (1952) haben wir den Dom besucht, dessen „Hoher Chor“ noch in Trümmern lag. Es ergab sich, dass wir ungeplant und nicht vorbereitet alle darin zusammen standen und wie von selbst einige Chorsätze sangen. Zum Schluss erklang: „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unseren Zeiten“. Inzwischen hatte sich eine stattliche Zahl von Besuchern um uns versammelt, und es war nach dem letzten Akkord für einige Minuten knisternd still. Mir erschienen die Bilder der Ruinen Hamburgs aus dem Jahr 1945 und viele andere werden mit vergleichbaren Gedanken zugehört haben. Alle verließen den Dom schweigend und auch auf dem Weg zurück in die Jugendherberge wurde kaum gesprochen. Ich kannte den Psalm 39 noch nicht, der mir erst später im Amt hilfreich geworden ist: „Ich will schweigen und meinen Mund nicht auftun; denn du hasts getan. Höre mein Gebet, Herr, und vernimm mein Schreien und schweige nicht über meinen Tränen; …“.
Das andere Erlebnis steht im Zusammenhang einer Adventsmusik am dritten Adventssonntag im Jahr 1953 (oder 54?). Diese fand nicht wie üblich im Dom, sondern im Hirschsaal von Schloss Gottorf statt. Der Saal war rundum mit Kerzen erleuchtet und überfüllt. Jüngere standen noch dicht an dicht an der Wand, nachdem sie Älteren, damals noch Sitte, ihren Platz angeboten hatten. Wir sangen die bekannten Advents- und Weihnachtslieder in mehrstimmigen Sätzen. Im Laufe unseres Singens wurde es im Saal immer stiller und stiller, fast unheimlich still. Wir standen als Chor den Hörer/innen gegenüber, konnten in die Gesichter sehen, sahen hier und da eine Träne und hörten verlegenes Husten. Manche der Anwesenden hatten noch Väter, Söhne und Brüder in russischer Kriegsgefangenschaft; andere ihre Verwandten, auch Frauen und Töchter im Osten, die nach Sibirien verschleppt waren und viele wurden noch vermisst. Pastor Clasen sprach das Schlussgebet: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein … Herr, bringe wieder unsere Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Mittagslande. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten (Ps. 126)“. Aus den Tränen war ein Schluchzen geworden, das im Gebet aufgefangen wurde: „Vaterunser, der du bist im Himmel“. Nach dem empfangenen Segen gingen die meisten zwar mit verweinten Augen ihres Weges und doch schien es, als wären sie für diese Stunde dankbar, getröstet und von zarter Hoffnung erfüllt, dass sie von den weihnachtlichen Engeln Gottes ebenso begleitet würden wie die Ihrigen in der Ferne. Ich denke fast jährlich in der Adventszeit an dieses Erlebnis und gern an Frau Barbara Haller, die mir und uns allen dies in jungen Jahren ermöglicht hat.
Die Jugendkantorei am Dom war in der Zeit zwischen 1948/49 bis 1956 unter der Leitung Barbara Hallers – über die Zeit danach habe ich keine Kenntnis – Mitte und Zentrum der ev. Jugendarbeit mit einer Ausstrahlung über die Gemeindegrenzen hinaus bis in die Stadt. Sie kamen aus allen Ecken und Enden, um mitzusingen. Hier waren die Stimmen, vor allem in Bass und Tenor, die sich auch KMD Haller im Domchor wünschte. Also sangen viele von uns bald in beiden Chören. Der Domchor brachte Bach-Kantaten, die Passionen Bachs, das Weihnachtsoratorium u. ä. zur Aufführung, meistens von einem Orchester begleitet, das mühsam für diesen Zweck zusammengestellt war. Der Nachfolger, KMD Uwe Röhl, hatte dann die finanziellen Mittel zur Verfügung, eingespielte Orchester zu verpflichten. Die Proben und die Aufführungen unter Hallers Leitung haben mich mit diesen Werken bekannt und vertraut gemacht. Sie waren jeweils ein eindrucksvolles Erlebnis und bleiben unvergessen. Aber nicht nur die Mitwirkung in beiden Chören hat meine musikalische, besonders kirchenmusikalische Bildung begründet und gefördert, sondern auch die Aufforderung Hans J. Hallers, ihm an der Orgel zu assistieren. Die Gelegenheit dazu ergab sich oft, da wir unmittelbar am Dom wohnten. Sonnabends nach der Wochenschlussandacht, wenn Herr Haller den Sonntagsgottesdienst und die Orgelvespern vorbereitete, habe ich bei ihm registriert. Ach, da stand ich nun neben und hinter ihm am Spieltisch und rechts und links davon die Manuale mit Tafeln voll von Knöpfen und Schaltern. Ein Hoch und Dank dem Pedal, an dem ich mich im Notenbild mit den vielen schwarzen Balken, schwarzen Punkten und Köpfen, Strichen und Zahlen einigermaßen orientieren konnte. Sein Nicken bedeutete „umblättern“, sein Zuruf „drücken“, aber auch deutlich hörbar: Pass auf, pass doch auf, Schlafmütze, Augen auf, zählen usw. Nach 1½ Stunden stand er auf, drückte mir die Hand und sprach: „Klaus, ich danke Dir, ich habe schon lange nicht mehr einen so guten Registranten gehabt wie Dich!“ Das versteht natürlich nur, wer die Gelegenheit hatte, Herrn Haller kennenzulernen. Wie heißt es doch so treffend? „Ernst ist das Leben und heiter die Kunst!“
Die Dominanz der Kirchenmusik am Dom, die Sonne der Gemeindearbeit, warf natürlich auch ihre Schatten. In ihrem Schatten musste die tüchtige Gemeindehelferin, Frau Maren Jacobsen, versuchen, ihre Jugendarbeit zur Geltung zu bringen. Das war nicht einfach, führte auch zu Reibungsverlusten, so dass für mich heute verständlich ist, dass sie einen Befreiungsschlag versuchte. Frau Jacobsen sammelte aus den Chören um sich einen kleinen Kreis Jugendlicher, die sie für geeignet hielt, unter ihrer Leitung das Laienspiel „Ihr werdet sein wie Gott“ von Armand Payot (Uraufführung, Mai 1948 in Genf) einzustudieren und dann auch aufzuführen. Da ich schon Erfahrungen in der Laienspielgruppe unter der Leitung von H. W. Jürgensen gemacht hatte, gehörte ich dazu (als Adam), zusammen mit Bärbel Pax (Eva), Gerhard Obst (Kain), der „Andere Kain“, als sein besseres „Ich“ (Egbert Kahlke), Abel (Frank Zacharias), Satan (Klaus Jepsen, später Schiller Theater Berlin) und „Die Stimme“, Pastor Grabow (später Propst am Dom), Frau Jacobsen u. a. Nach knapp neun Monaten Probezeit waren wir eine „tolle Truppe“, das Stück geburts- und aufführungsreif, das wir dann in Schleswig (Gaststätte Großer Baumhof) und in verschiedenen Orten des Umlands gespielt haben.
Dieses Laienspiel bringt die Sündenfallgeschichte (I. Mose 3) in fünf Akten auf die Bühne. Zwar heißt dieses Stück: Ein „Laienspiel“, aber wir haben kein leichtes Spiel gehabt, nicht mit dem Text, nicht mit der Darstellung und schon gar nicht mit dem Inhalt, in dem es um Sünde und Vergebung, um Gerechtigkeit und Gnade vor Gott und den Menschen geht. Payot wagt eine individuell geprägte Personalisierung der Sünde, die verbietet, den heute so negativ besetzten Begriff der Erbsünde leichtfertig vom Tisch zu wischen.
Wir wohnten in den ersten Schleswiger Jahren fast Tür an Tür im Schatten des Doms. Ohne diese Nachbarschaft überschätzen zu wollen, habe ich doch den Eindruck, dass dies nicht ohne Wirkung auf mich geblieben ist. Aber ich habe den Dom nicht nur von außen, sondern intensiv von innen erlebt, im Gottesdienst, mit den Chören, als Kindergottesdiensthelfer und als Domführer, wenn der Küster Karl Reincke zeitlich unabkömmlich war. Natürlich steht der Bordesholmer bzw. Brüggemann-Altar, das wird heute nicht anders sein, im Mittelpunkt jeder Führung. Für mich ist dieser der Altar aller Altäre, die ich kenne, der seit Jahrzehnten als Poster eingerahmt in meinem Arbeitszimmer hängt. Adam und Eva stehen in Übergröße oben im Gesprenge auf der Höhe mit der Himmelfahrt und dem
Pfingstwunder, darüber Petrus und Paulus. Oberhalb des Schreins knien fürbittend Johannes und Maria vor dem Weltenrichter. Diese Zuordnung gibt manche Rätsel auf, doch klar ist im Unterschied dazu der Ablauf der Passionsgeschichte bis zum Kreuz dargestellt und darüber hinaus die Kreuzabnahme und Erscheinung vor den Jüngern. Adam und Eva dominieren auffällig, bilden mit dem Weltenrichter jedoch ein Dreieck und damit ein Ganzes, das auf das Weltgericht hinweist, vor dem nur Gebet und Fürbitte bestehen kann und dies auf dem Hintergrund der Passion.

In der Domschule: 1952-1956
Wir saßen am Mittagstisch im Musik- und Esszimmer, KMD Hans Jakob Haller, seine Ehefrau Barbara und ich. Ein großes Fenster gab den Blick frei in die Süderdomstraße, ein anderes in Richtung Norden gegenüber der Südfront des Domes. Zwischen Tisch und Fenster stand der große Bechsteinflügel. Wie so oft fragte Herr Haller nach Geschichtszahlen. Sein Vater, der große Historiker Johannes Haller, hatte spürbar seine Spuren hinterlassen; denn Herr Haller kannte sich aus in den Fakten und im Gebüsch der Geschichte. Dank des vortrefflichen Geschichtsunterrichts in der Mittelschule bei „Opa” Giese konnte ich oft antworten, was ihn immer wieder erstaunte. Er fragte hartnäckig weiter, bis ihm Frau Barbara in die Parade fuhr: „Nun lass doch den Jungen endlich in Ruhe essen!”
Einmal fragte er plötzlich: „Klaus, was willst du eigentlich werden?” Ich war zu der Zeit in der letzten Klasse der Mittelschule. Meine Antwort: „Wahrscheinlich werde ich mich bei der Stadtverwaltung, einer Bank, der Bahn oder bei der Post bewerben.“ Darauf Frau Haller: Unser Klaus am Postschalter? Kommt überhaupt nicht in Frage, dann schon lieber eine Ausbildung zum Diakon. Jetzt fuhr er dazwischen: „Aber Bärbel, das schon gar nicht!“ Nun beide zusammen: „Sag mal, was willst du wirklich?“ Mehr stotternd als redend gab ich zur Antwort: „Am liebsten würde ich Lehrer werden, aber dazu braucht man das Abitur.“ Lange, längeres Schweigen, bis eine(r) von beiden sagte: „Dann musst du eben Abitur machen,“ und ich zur Antwort gab: „Das geht nicht, wir haben kein Geld, und selbst, wenn ich es versuchen würde, ohne Nachhilfestunden, die auch noch bezahlt werden müssten, geht das nicht.“
Aber da hatte ich, wie der Volksmund sagt, die Rechnung ohne den Wirt, in diesem Fall ohne Hallers, gemacht. Herr Haller erkundigte sich nach den Möglichkeiten bei Oberstudiendirektor Heinrich Theune, Direktor des Gymnasiums und Frau Haller bei der Rektorin der Mittelschule, Frau Margarete Schäffler. Ich erfuhr davon zunächst nichts, bis ich ins Büro der Rektorin gerufen wurde. Sie eröffnete mir, gehört zu haben, dass ich gern das Abitur machen wollte. Sie hätte Rücksprache mit dem Direktor der Domschule gehalten, der mich zu einem Gespräch erwarten würde. Auf dem Weg zu ihm wurde mir Angst und Bange, aber er empfing mich freundlich zu diesem vorher vereinbarten Termin. Direktor Theune erklärte mir ausführlich, was ich zu erwarten hätte und vergaß auch nicht darauf hinzuweisen, dass schon einige wenige diesen Weg versucht, aber wieder aufgegeben hätten. Schmunzelnd fragte er mich zum Schluss: „Willst du dies unter diesen Umständen versuchen?“ Als ich ihm antwortete: „Ja, ich will es versuchen,“ antwortete er mir: „Dann versuchen wir‘s!“
Meine Mutter, der ich stets berichtet hatte, begleitete dies alles in der Hoffnung, daraus wird doch nichts. Das war angesichts unserer Situation verständlich und realistisch. Sie war, als ich mit dem Ergebnis des Gesprächs vom Direktor nach Hause kam, erschüttert, ja fast verzweifelt. Wie soll das nur werden? Aber da stand schon Frau Haller in der Tür, um ihre Hilfe anzubieten, die sie bereits mit konkreten Planungen vorbereitet hatte. Dazu gehörte wöchentlich ein regelmäßiger Mittagstisch in verschiedenen Familien der Domgemeinde. Wie bisher bei Hallers, war ich nun auch bei Familie Riecken. P. Ploigt, Dr. Pohl und Bischof
Dr. Wester zu Gast. Zwar hieß es bei allen, man würde stets so essen wie „üblich“, doch ich hatte den Eindruck, das Essen war oft etwas üblicher als üblich, wenn ich dabei war. Die Jugend am Tisch ließ hin und wieder mit der Bemerkung – der Klaus könnte auch öfter kommen – durchblicken, dass mein Verdacht begründet war. Die Frauen des Hauses haben mich so unauffällig wie möglich verwöhnt, und ich denke gern und sehr dankbar an diese Mahlzeiten zurück, die von anregenden und munteren Tischgesprächen begleitet waren. Nach dem Essen führte mein Weg dann zunächst in das Haus von Chefarzt Dr. med. Wenzel (Stadtkrankenhaus), wo täglich für zwei Stunden die Schularbeiten von drei Kindern (Unterstufe im Gymnasium) zu beaufsichtigen waren. Dafür gab es am Wochenende 20,00 DM, die in die Haushaltskasse geflossen sind, gelegentlich ergänzt durch ein Suppenhuhn, Rinderbraten, Rouladen u. ä. Köstlichkeiten, die wir uns nur selten leisten konnten.
Frau Haller hatte aber auch für den Nachhilfeunterricht in Latein gesorgt. Die Klasse, in die ich aufgenommen worden war (Untersekunda), hatte schon drei Jahre Latein, ich aber keinen Schimmer, musste also, der Grammatik folgend, mit „amare“, der Konjugation „amo, amas, amat …“ beginnen. Als Lehrer hatten sich auf Anfrage Frau Hallers Studenten aus der Jugendkantorei bereit gefunden, mich zu unterrichten: cand. theol. Klaus Detlef Pohl, stud. theol. Helmut Jegodzinski und stud. theol. Harald Brix. Es blieb nicht nur bei Latein, sondern der Blick fiel auch – wenn nötig – auf andere Fächer. Sie haben für mich ihre Zeit geopfert und keinen Pfennig genommen. Ich glaube mit der Behauptung nicht zu übertreiben: Das war einmalig! Meinen Dank trage ich in meinem Innern und habe ihn vielleicht erwidert, indem ich meinen Beitrag geleistet habe, dass die Mühen nicht umsonst gewesen sind. An der Schwelle von der Unter- zur Oberprima war ich über den Berg.
Wir waren in der Untersekunda ca. 35 Schüler, von denen fast die Hälfte nach dem Ende des Schuljahres mit der sog. „Mittleren Reife“ die Schule verlassen wollte. Sie waren am Unterricht kaum noch interessiert, aber für jede Störung und jeden Streich zu haben. Ich hatte Mühe, mich irgendwie einzufädeln. Es brauchte seine Zeit, um sich in die Klasse integriert zu fühlen. Im Laufe des Jahres fanden diejenigen mehr und mehr zusammen, die das Abitur im Auge hatten. Unter ihnen war der Klassenkamerad Gerhard Obst, der mir seine Hilfe anbot, sollte es für mich Probleme geben, welcher Art auch immer. Aus diesem Angebot entstand eine Freundschaft, die über die Schulzeit hinaus bis ins Studium reichte, zumal wir beide Theologie studiert haben. Gerd Obst ist hoch musikalisch, hatte regelmäßig Geigenunterricht, spielte im Schulorchester und kam jetzt auch in die Jugendkantorei, in der er in kurzer Zeit zu den „führenden“ Tenören gehörte.
Als Klassenlehrer hatten wir in der Untersekunda Wilhelm Hansen – unverheiratet –, der nur „Pinsel Hansen“ genannt wurde. Er unterrichtete Französisch und Erdkunde. Die Entstehung seines Spitznamens, der im Wortschatz der Schüler seit Jahren verankert war, ist trotz mehrerer Nachforschungen damals nicht aufgedeckt worden. Pinsel Hansen war stets freundlich, sein Unterricht zwar lehrreich, aber ermüdend, also langweilig. Er hatte zur Vorbereitung unserer Klassenfahrt nach Rantum (Sylt) drei bis vier Schüler zu sich nach Hause bestellt, die hier in seinem Arbeitszimmer zwar Platz nehmen sollten, aber keinen Platz fanden. Schreibtisch, Stühle und z. T. der Fußboden waren mit aufgeschlagenen Büchern, Zeitungsausschnitten, Fotos, von Zetteln mit Notizen übersät, die an die Seite geräumt werden mussten. Dazwischen war Geschirr abgestellt, aber nicht abgewaschen und noch von Resten verunreinigt. Pinsel Hansen, ein liebenswerter Chaot!
„Deutsch“ hatten wir bei Dr. Neufeld! In seinen Stunden ging es munter und lustig zu. In regelmäßigen Abständen erfüllten Lachsalven das Klassenzimmer; denn seine Umgangssprache gehörte in Wortschatz, Ton und Rhetorik in den Kindergarten, aber nicht in eine Untersekunda. „Stoldt, nun erzähl Du mal was vom Schimmelreiter“. Nach kurzer Zeit: „Und nun, Laube, erzähl Du mal, was der Stoldt übrig gelassen hat“. So oder ähnlich war‘s. Natürlich wurde er provoziert, reagierte mit einem knallroten Kopf, weniger aus Zorn, sondern aus Verlegenheit, weil er meistens gar nicht verstand, aus welchen Gründen gelacht wurde. Es war nicht nur lustig, sondern auch peinlich!
Am Ende des Schuljahres, wenige Tage vor der Zeugniskonferenz, wurde ich auf dem Flur von Direktor Theune mit der Frage konfrontiert: „Na, Laube, wie geht‘s bis jetzt?“ Da drei „fünfen“ zu erwarten waren, nämlich in Latein, Englisch und Französisch, also in den Sprachen, in denen mir die Klasse jeweils um Jahre voraus war, antwortete ich ihm sinngemäß: „Gemischt“ und bekam die Antwort: „Alle drei fünfen sind besser als am Anfang des Jahres; und der Pfeil zeigt nach oben!“ Er wusste, dass eine Wiederholung für mich nicht in Frage kommen konnte und fuhr fort: „Laube, Du kommst aus Preußen. Die Preußen geben nicht auf!“ Meine Antwort: „Ich gebe auch nicht auf, solange ich die Chance bekomme, die vorhandenen Lücken zu schließen.“ Verschiedene Fächer waren mit „2“ bewertet, so dass meine besondere Situation deutlich wurde.
Jahrzehnte später hat mir ein Teilnehmer der Zeugniskonferenz berichtet, dass über den Fall „Laube“ ausführlich und kontrovers diskutiert worden war. Zum Schluss habe der Direktor durchblicken lassen, er habe den Eindruck, dass der Untersekundaner Laube den festen Willen zeige, sein Ziel, das Abitur, zu erreichen. Die Mehrheit sei wohl mit ihm der Auffassung, ihm diese Möglichkeit offen zu halten. Die Abstimmung hätte eine überwiegende Zustimmung zur Versetzung in die Obersekunda ergeben, ohne Gegenstimme mit zwei oder drei Enthaltungen. Ich ahnte immer und weiß nun, dass der Wille und die Autorität des Direktors sowie seine geschickte Verhandlungsführung dieses Ergebnis bewirkt haben und mir damit den Weg zum Abitur, ins Studium und in meinen Beruf eröffneten.
An die Jahre in der Oberstufe denke ich gern zurück, trotz der Mühen und mancher Niederlagen, die ich verarbeiten musste. Zu den Problemen in den Sprachen kamen gelegentlich auch noch solche in der Mathematik, denn drei Jahre dieses Faches in der Mittelschule und fünf im Gymnasium, die die Klasse hinter sich hatte, sind auch zweierlei und nicht ohne weiteres „kompatibel“. In der Unter- und Oberprima hatten wir Lateinunterricht beim Direktor. Da ich außerdem noch an der Arbeitsgemeinschaft Latein teilnahm und zwei Mal monatlich lateinische Abende über mindestens zwei Stunden mit dem Altphilologen Gert Schubert – Teilnehmer im Domchor und später Schulrat in Berlin – verbrachte, war ich nun in dieser Sprache auf dem Laufenden. Mir machte Latein jetzt richtig Spaß! Direktor Theune begann in einer Stunde der Woche den Unterricht, in dem er mit uns über zeitgenössische Fragen aus Politik und Kultur sprach. Er muss meine Zurückhaltung und Unsicherheit bemerkt haben; denn da ich mich kaum zu Wort gemeldet habe, erging an mich fast immer die direkte Frage: „Na, Laube, was denkt man darüber in christlichen und kirchlichen Kreisen, oder noch besser, was denken oder sagen Sie dazu?“ Mir ist im Rückblick klar, dass er mir helfen wollte, mein mangelndes Selbstbewusstsein zu überwinden.
Dieses wurde auch in Frage gestellt, als ich eines Tages eine Vorladung von dem Amtsgericht Berlin-Charlottenburg erhielt, weil eine Anzeige gegen mich wegen unberechtigten Empfangs von Kindergeld (20,00 DM monatlich) eingegangen war. Diese Anzeige hatten die Frau meines Vaters und er selbst erstattet. Vermutlich meinten sie, ich hätte eine Lehre abgeschlossen. Ich bat unseren Klassenlehrer, Herrn Studienrat Dr. Schacht, der sich entsetzt zeigte, um die dafür notwendige Befreiung vom Unterricht. Er schüttelte nur mit dem Kopf und sagte mir, das müsse der Direktor entscheiden. Dieser entschied, dass ich keinen Urlaub bekäme, denn er selbst würde die Bearbeitung dieses Vorgangs übernehmen. Der Fall sei damit für mich erledigt und weder meine Mutter, die er herzlich grüßen ließ, noch ich müssten sich darüber irgendwelche Sorgen machen. Wir haben von der Sache nichts mehr gehört.
Ganz besonders eindrucksvoll war der Deutschunterricht bei unserem Klassenlehrer. Seine Interpretation „klassischer“ Texte hielt die Klasse – jetzt nur noch vierzehn – in Atem. Er lebte in den Texten, die er uns mit inniger Leidenschaft zu vermitteln versuchte. Wir haben z. B. „Don Carlos“, „Maria Stuart“, „Iphigenie“ und zuletzt vor allem den „Faust“ nicht nur vom Stoff her kennengelernt, sondern sind auch dem Inhalt und den Aussagen begegnet, was in Erinnerung bleibt, auch wenn Einzelheiten längst verloren sind.
Die Klassenfahrt im letzten Jahr führte uns in die Berge; denn unser Klassenlehrer liebte die Berge. Ein Sonderzug für die Oberstufen des nördlichen Schleswig-Holsteins fuhr abends ab Neumünster in Richtung München. Nach einem flüchtigen Aufenthalt in der Stadt war unser erstes Ziel Oberaudorf, wo wir in einem, nur in einem Raum alle übernachtet haben und zwar in zweistöckigen Betten, dicht an dicht. Das konnte nicht gut gehen, so dass unser Reiseleiter, Dr. Schacht, um Mitternacht in der Tür stand und Ruhe befahl. Er hatte einen plausiblen Grund; denn für den nächsten Tag war Bergsteigen angesagt. Es ging auf den Brünnstein, und zwar langsam, Schritt für Schritt bei schönstem Sonnenschein. Da auch Frau Schacht mit von der Partie war, hatte das Ehepaar, bergerfahren, untereinander ausgemacht: Sie geht voran, er macht den Schluss. Damals trugen die Frauen keine Hosen, sondern Röcke, so auch Frau Schacht. Beim letzten ziemlich steilen Anstieg vor dem Gipfel ging also Frau Schacht voraus, ihr folgte Günter Hermann, dann ich und hinter mir Hans-Dieter Roos usw. Oben auf dem Gipfel angekommen, kam Günter Hermann an meine Seite und flüsterte mir zu: „Du, Klaus, mir sind eben beim Blick nach oben alle Illusionen vergangen“. Wir Flachlandtiroler waren überwältigt von der Aussicht auf dem Gipfel, ja überhaupt von dem Eindruck, den die Berge, Land und Landschaft unter Sonne und klarblauem, wolkenfreien Himmel auf uns machten. Die Rückfahrt abends von München begann singend und lachend, auch albern und übermütig, zumal auch Mädchenklassen im Wagen und in den Abteilen waren. Jetzt hieß es gockeln, bewusst und meistens unbewusst. Mit der einbrechenden Dunkelheit breitete sich allmählich Stille aus, man hörte verborgenes Kleiderrauschen durch Platzwechsel und hätte am Morgen bei Licht besehen vermuten können, im Zug wäre die Neuzeit angebrochen, die Zeit gemischter Klassen, die Zeit der „coeducation!“ Die auffällige Bodenlage eines Klassenkameraden mit einem Mädchen im Arm und Schoß öffnete jeder Art von Phantasie Tor und Tür.
Damit sind wir doch noch im „Englisch“ angekommen, der Sprache, die damals nicht annähernd die Popularität und gesellschaftlich-öffentliche Akzeptanz hatte wie heute. Dr. Timm war unser in der Schule und auch von uns hochgeschätzter Englischlehrer. Er ist uns allen stets freundlich und verbindlich begegnet und hielt dennoch auf Distanz, war nicht kumpelhaft und doch jedem zugewandt. So aufrecht wie seine Gestalt, so aufrecht und integer war sein Wesen. Er war Soldat im Kriege, wie er sich ausdrückte und litt darunter, dass die deutsche Wehrmacht in dem Ruf stand, an Kriegsverbrechen schuldig zu sein und Grausamkeiten auch an der Zivilbevölkerung begangen zu haben. Er habe dies in seiner Einheit und mit seiner Einheit nie erlebt. Wir glaubten ihm.
Dr. Timm betrat die Klasse stets mit dem Rest einer schon verglühenden Zigarre, die er auf die untere Leiste der Tafel ablegte, oberhalb von Schwamm und Kreide. Es ist zwar nicht schriftlich, aber in der Erinnerung belegt, dass er am Schluss der Stunde und nach der Eintragung ins Klassenbuch aufstand, den Zigarrenstummel zur Hand nahm, dies niemals vergessen hat und erst dann den Klassenraum verließ. Zu diesem Ritual gehörte ein anderes, das mich betraf. Nachdem am Anfang der Stunde der Zigarrenrest auf seinem Platz lag, drehte er sich um, trat an den Tisch, sah mich an und sagte: „Na, Laube!“ Die ersten zehn bis fünfzehn Minuten gehörten mir mit Übersetzung und Paraphrase des Textes. Die Klasse wie auch ich wussten, das war keine Schikane, sondern Fürsorge. Mein „englisch“ war germanistisch eingefärbt, und er seufzte oft: Ach, das ist grammatisch alles richtig und doch kein Englisch. Im Abitur führte er mich durch die mündliche Prüfung in seiner Weise, so dass er kurz danach auf dem Flur zu mir sagte: „Laube, ich wusste selbst gar nicht, wie gut Sie in meinem Fach sind”. Dies war eher sein als mein Verdienst. Er war mindestens ebenso glücklich über den Verlauf der Prüfung wie ich. In der Abiturabschlussfeier habe ich ihm am Ende einer kurzen Rede mit dem Satz gedankt: „Die letzten Jahre ohne Sie, what must that for a feeling be!“ Ich sah von weitem, dass er sich vor Lachen kaum halten konnte.
Als ich nach Jahrzehnten in Schleswig war, habe ich ihn, nun schon länger im Amt, besucht. Er konnte wegen eines Rückenleidens zwar gehen und liegen, aber nicht sitzen und litt ständig unter Schmerzen. Aus einer beabsichtigten Viertelstunde wurde mehr als eine Stunde, weil er alles wissen wollte, was Beruf und Familie betrifft. Wir wussten beide, dass wir uns nicht wiedersehen würden. Der Abschied fiel uns schwer nach einem bewegenden, denkwürdigen Gespräch. Ich werde dieses, ihn selbst, seinen Unterricht und das Abitur in dankbarer Erinnerung bewahren.
Parallel zur Schulzeit verläuft aber auch noch eine andere Zeit. Das ist die Zeit, in der das sog. „andere Geschlecht“ ins Blickfeld tritt. Das erste Datum bleibt verborgen, das die noch heimlichen Blicke blicken lässt, mal zu dieser, mal zu jener, bis ein Blick zurück blickt und dieser Rückblick zu einem hoffnungsvollen Ausblick wird. In Schleswig bot der Stadtweg in den fünfziger Jahren das Blickfeld für den Laufsteg, auf dem die Schüler der Domschule und die Schülerinnen der Lornsenschule sich am Wochenende nach Schulschluss im Austausch von Blicken ergingen. Sie gingen von West nach Ost und von Ost nach West, von der Ecke Domziegelhof zum Kornmarkt und wieder zurück. Sie gingen besonders motiviert und angestrengt, wenn ein Klassenball bevorstand; denn: „Tanzen macht nur dann Vergnügen, wenn wir eine Dame kriegen …“ (W. Busch). Ich kriegte meine Damen vorwiegend aus der Jugendkantorei, und hier fiel in diesen Primanerjahren meine Wahl auf Ilse Graubmann, Ulla Kühlmann, Gisela Ludwig, Helga Rosenhagen und Bärbel Pax.
Die Klassenbälle wurden in der Regel im Prinzenpalais, im Waldschlösschen und in der Schleihalle gefeiert. Die ersten beiden stehen noch an ihrem Platz. Die Schleihalle, ausgestattet mit Tischen und Stühlen an großen Fenstern und mit einer wunderschönen Aussicht auf den Dom, die Schlei und die Möweninsel, wurde auf Beschluss gedankenloser Aktivisten gegen den Willen vieler Bürger/innen vor vielen Jahren abgerissen.
Die Klassenbälle gehören zu den schönsten Erinnerungen an diese Jugendzeit, die auch von einer Enttäuschung nicht getrübt werden können. In einem Fall fuhr uns der Vater mit dem Auto zum Waldschlösschen. Als unser „Tisch“ so richtig Fahrt aufgenommen hatte und in Stimmung gekommen war, stand er schon vor der vereinbarten Zeit kurz nach
22.00 Uhr in der Tür, um seine Tochter abzuholen und machte mir das freundliche, wenn auch fragwürdige Angebot, ohne sie, also allein, noch länger zu bleiben. Aber mir war die Stimmung vergangen, ich lehnte ab und ertrug in den nächsten Tagen den verständlichen Spott der Klassenkameraden. Ich musste annehmen, dass ich während der Vorstellung im Hause einen zweifelhaften Eindruck hinterlassen hatte, wenn mir der besorgte Vater weder zutraute noch vertraute, seine Tochter wie abgesprochen pünktlich und unbeschädigt wieder abzuliefern. Der besagte „Tisch“ hatte an diesem Abend jedenfalls sein Thema und daran sein Vergnügen.
In einem anderen Fall erreichte ich mit meiner Dame – jetzt schon nach Mitternacht – kaum noch das Ziel. Ihre Schuhe drückten, zu eng, geschwollene Füße, blaue Flecken? Ich hatte keine Tanzstunden besuchen können und war darauf angewiesen, dass meine Damen, die ich immer gewarnt habe, meine „Fehltritte“ ertragen würden. Diese hakte sich bei mir ein, aber es gab keinen Abschiedskuss, – der Handkuss war allerdings schon verpönt – kein Wange an Wange oder gar noch mehr. Dennoch ging mir auf dem Heimweg durch das nächtliche Schleswig durch den Kopf, ob wir nicht doch die Grenzen der guten Sitten (der fünfziger Jahre) überschritten hätten. Wir waren schließlich die Generation, der der Schweizer Sexualpsychologe Theodor Bovet Vorträge über das Thema „Der Mann, das unbekannte Wesen“ hielt, in denen er auf dezente Weise darauf hinwies, dass in der Jugend mehr auf Distanz als auf Nähe zum weiblichen Geschlecht zu achten sei. Er beschrieb zwar schon das „wie“, warnte aber vor dem „zu früh“, hatte volle Häuser und auch in Schleswig ein überfülltes Stadttheater. Kein Wunder; denn sogar unsere Chorleiterin hatte „nachhaltig“ empfohlen, ihn zu hören, obwohl weniger ihr Rat, sondern Bovets unerwartet weit gehende Beschreibungen des „wie“ unter den Jugendlichen die Runde gemacht hatten.
Wir waren, vermute ich, die letzte Generation, in der nicht nur der Wortschatz „sex-frei“ war. Danach kam Oswald Kolle, der den Begriff „Sex“ in der Alltagssprache hoffähig machte, aber dabei blieb es nicht. Steht der Name Kolle für einen Epochen- oder Paradigmenwechsel, für einen Fortschritt in Fragen der Sexualität? Die Antwort steht (für mich) noch aus, wenn ich mich an unsere Jugend in den sog. verstaubten fünfziger Jahren erinnere. Ich finde sie immer noch spannend und schön, und der heute so oft hochmütig verspottete Staub der fünfziger Jahre hat so manche Frühbestäubung mit beschwerlichen Folgen für das ganze Leben verhindert.
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